Übersetzung ins Neuhochdeutsche
Der Bracke (= ein Jagdhund) wurde freigelassen, der Bär stürmte davon. Da wollte ihn Kriemhilds Mann (= Siegfried) zu Pferd einholen. Er (= der Bär) kam in abschüssiges Gelände, deshalb war das nicht möglich. Da glaubte das kräftige Tier, vor dem Jäger in Sicherheit zu sein. Da sprang der tapfere, übermütige Ritter von seinem Pferd. Er verfolgte den Bären zu Fuß. Das Tier war ungeschützt. Es konnte ihm nicht entkommen. Da fing er es sogleich ein. Ohne irgendeine Verwundung hatte der Held es schnell gefesselt.
Im Kontext der von Hagen inszenierten ‚Mordjagd‘ auf Siegfried steht die elfstrophige, ‚burlesk‘ (so Krause 1996, S. 50; vgl. Auteri 1998, S. 53) anmutende Bärenepisode (NL 943-947, 954-959) in scharfem Kontrast zur heimtückischen Ermordung Siegfrieds. Der wilde Bär erscheint dabei als Spiegelung des exorbitanten Helden: Beide sind außerordentlich stark und unbezwingbar (NL 959,2), vertrauen mit einem gewissen Übermut ganz auf ihre Stärke (NL 945,4), sind aber letztlich schutzlos (NL 946,2). Als Element aus dem „Wald seiner [= Siegfrieds] sagengeschichtlicher Jugend“ (Fasbender 2007, 19) ist der Bär – wie Siegfried selbst – ein ‚Fremdkörper‘ am Burgundenhof und damit eine latente Bedrohung.
Siegfrieds Bärenfang entspricht eher nicht den üblichen Gepflogenheiten einer aristokratischen Bärenjagd (vgl. Oehrl 2013): Siegfried fängt, nur zum Spaß, den Bären erst eigenhändig ein (das ist unsere Textstelle), lässt ihn aus unerfindlichen Gründen im Küchenlager wieder frei, was für großes Chaos sorgt, und tötet ihn schließlich mit seinem Schwert (NL 959,3) – allerdings ist dies Siegfrieds Schwert Balmung und damit gerade, wie oft erwogen, kein „simbolo del mondo cortese“ (Auteri 1998, 59). Die Tötung des Bären ist vielmehr zu lesen als ein Akt von „self destruction“ (Wilson 1981, 252), worin „the perfidious paradox of the ‚murder hunt‘” (Obermaier 2023, S. 1098) sichtbar wird: Siegfried tötet in diesem Bären sich selbst als der (!) und als den (!), was ihn als Siegfried ausmacht, indem er – als Jäger – teilnimmt an einer Jagd, die eigentlich ihm – als dem Gejagten – gilt (ebd.). Der Bär ist dabei als Bild für Siegfried gut gewählt, verkörpert er doch den ‚alten König der Tiere‘ und damit eine „‚old style‘ royality“ (ebd., S. 1099), die noch ganz auf Stärke gründet und deshalb aus der Welt des Wormser Hofs zu eliminieren ist (ebd.).
- NL = Das Nibelungenlied. Text und Einführung. Nach der St. Galler Hs. hrsg. und erl. von Hermann Reichert. 2., durchges. und erg. Aufl. Berlin, Boston 2017.
- L. Auteri: Ein Tier daz si sluogen. Simbologia animale e destino di morte nel Nibelungenlied. AION, Sezione Germanica N. F. 8 (1998), S. 41-60.
- C. Fasbender: Siegfrieds Wald-Tod. Versuch über die Semantik von Räumen im Nibelungenlied. In: Außen und Innen. Räume und ihre Symbolik im Mittelalter (ed. N. Staubach, V. Johanterwage), 2007, S. 13-24.
- B. Krause: Die Jagd als Lebensform und höfisches ‚spil‘, 1996.
- S. Obermaier: Tracking former royal dignity. The bear in German medieval literature, in: Bear and human (ed. O. Grimm), 2023, Bd. 3, S. 1091-1105.
- S. Oehrl: Bear hunting and its ideological context, in: Hunting in northern Europe until 1500 AD (ed. O. Grimm, U. Schmölke), 2013, S. 297-332.
- W. Paravicini: Tiere aus dem Norden. Deutsches Archiv für die Erforschung des Mittelalters 59 (2003), S. 559-591.
- M. Pastoureau: L’ours. Histoire d’un roi déchu, 2007. Dt. Übers.: Der Bär. Geschichte eines gestürzten Königs (übers. S. Çorlu), 2008.
- K. Sullivan: Introducing the Medieval Bear, 2026 [i. E.].
- G. L. Wilson: Epic and Symbolic Functions of the Hunt in Five Medieval German Epics, 1981, Kap. IV.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Bär (Einstiegsseite). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/baer-bestiarum/. Erstellt: 24. September 2025.
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