Übersetzung ins Neuhochdeutsche

Es gibt ein Gewässer, welches sich vom Lamm durchwaten lässt, wohingegen der Elefant darin ganz ungeschickt schwimmt. Das Wasser ist dem Elefanten viel zu tief, dem Lamm bietet es eine gute Furt. […] Der Elefant ist der törichte Mensch, der mehr wissen will, als er (wissen/verstehen) kann, und der dort schwimmen will, wo er trockenen Fußes laufen könnte.

Das ursprünglich von Gregor dem Großen erzählte Gleichnis vom watenden Lamm und schwimmenden Elefanten (Moralia in Iob, Widmungsbrief, § 10) deutet den Elefanten – ganz frühmittelalterlich-europäisch – als Theologen, der mit seiner Tiefsinnigkeit die Heilige Schrift nicht zu ergründen vermag, wohingegen „einfache Gemüter“ wie das Lamm „anhand der ‚seichten‘ Stellen der Bibel gleichsam von Tugend zu Tugend ‚waten‘ können“ können (Michel 1999, S. 81f.). Der hier zitierte Sangspruchdichter Reinmar von Zweter verallgemeinert diese Deutung im Sinne einfacher Sündendidaxe: Hier verkörpert der Elefant eben den tumben man, der mehr wissen will, als er verstehen kann. In seinen Predigten wird Meister Eckhart wieder eher der Deutung Gregors folgen, er erweitert aber das Bild um den schwimmenden Ochsen und die schwimmende Kuh, die vom Elefanten sogar noch überholt werden (Predigt Nr. 51).

Dass gerade dem schlichten einheimischen Lamm der orientalische Elefant als Beispiel gelehrter Hybris entgegengestellt wird, konterkariert vieles, was das mittelalterliche Elefantenbild sonst prägt: Der Elefant dieses Gleichnisses ist gerade nicht klug (wie ihn die → Naturkunde sonst üblicherweise präsentiert), er fungiert auch nicht als Orientsignum (wie in → literarischen Texten oft üblich); und seine (in der → Physiologus-Tradition positiv gedeutete) Affinität zu Wasser wird ins Negative gedreht. Denkt man dies aber alles mit, gewinnt diese – eben gerade mit einem Elefanten verbildlichte – Intellektuellenkritik noch deutlich an Schärfe.

  • MEP = Meister Eckharts Predigten. Hrsg. von Josef Quint (= Meister Eckhart: Die deutschen und lateinischen Werke: Die deutschen Werke 3). Stuttgart 2000.
  • Mor = Gregor der Große: Moralia in Job. In: S. Gregorii Magni moralia in Iob. Cura et studio Marci Adriaen. Libri I-X. Tournhout 1979. (Corpus Christianum Series Latina 143).
  • RvZw = Die Gedichte Reinmars von Zweter. Hrsg. von Gustav Roethe. Leipzig 1887. ND Amsterdam 1967.
  • K. Gröning: Der Elefant in Natur und Kulturgeschichte, 1998, 246-251.
  • A. T. Hack: Abul Abaz. Zur Biographie eines Elefanten, 2011 [mit weiterer Literatur].
  • P. Michel: Wo das Lamm watet und der Elefant schwimmt, in: Lese-Zeichen. Semiotik und Hermeneutik in Raum und Zeit (ed. H. Herwig), 1999, 71-86.
  • S. Oettermann: Die Schaulust am Elefanten, 1982, 28-37.
Zitierhinweis

Sabine Obermaier: Elefant (Einstiegsseite). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/elefant-bestiarium/. Erstellt: 23. Juli 2025.

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