Übersetzung ins Neuhochdeutsche
So sagt es mir die Chronik: ipomites sei ein bösartiges Tier, alle Tiere an Schrecklichkeit übertreffend, viel größer als ein Auerochse, hinten Pferd, vorn wie ein Bär: Der Menschen Tod ist sein Verlangen. Es meidet weder Fels noch den umgestürzten Baumstamm, es kann auch im Wasser leben, weil seine Natur es dazu zwingt, dass es aus dem Wald dort hinein strebt, wo es Kraft empfängt.
Das monströse Tier, das Ulrich von Etzenbach hier im Kontext einer Stelle beschreibt, in der Alexander und sein Heer wieder einmal durch viele wilde Tiere bedroht werden, nennt er ipomites. Dies ist eine Verballhornung des lateinischen Namens hippopotamus – und in den antiken Vorlagen des Alexanderromans ebenso wie in den Rezensionen der mittellateinischen Historia de preliis, der zentralen Vorlage für die deutschsprachigen Alexanderromane, sind damit tatsächlich Flusspferde gemeint.
Doch das hier beschriebene menschenmordende Hybridwesen aus Pferd und Bär, das größer als ein Auerochse ist, hat – abgesehen von seiner amphibischen Lebensweise – kaum noch etwas mit einem Flusspferd gemein; und nur sehr lose lehnt sich Ulrichs Beschreibung an Darstellungen an, wie sie die mittelalterliche Naturenzyklopädik gibt, die das Tier – bedingt durch Unkenntnis und zahlreiche Irrtümer – zum Teil ebenfalls schon monstrifiziert. Vielleicht hat Ulrich von Etzenbach auch die Epistola Alexandri ad Aristotelem als Quelle benutzt, in der ein kentaurartiger ippopotamus beschrieben wird (Epistola [Bamberger Hs.] 25,34-36), wie er ähnlich auch in Mandevilles Reisen zu finden ist (Mandeville 153,8-10). Dennoch: Ulrichs ipomites ist kein Kentaur – vielmehr hat Ulrich von Etzenbach „ein Fabelwesen ganz eigener Art kreiert“ (Obermaier 2011, S. 153).
Monstrifizierung ist aber nur eine von vielen Reaktionen auf ein Tier, das im Mittelalter völlig unbekannt ist. So werden z. B. die 37 jungen Männer, die im bitteren See schwimmen, bei Ulrich von Etzenbach nicht durch Flusspferde, sondern ganz allgemein durch tiere snel (AUvE 21568) und durch die argen beluê (AUvE 21569, ‚die bösen Untiere‘) getötet. An anderer Stelle werden die ipomites einfach zusammen mit Reptilien, Schlangen und Drachen genannt (AUvE 21511 – 21516; 22011 – 22015) und durch diese ‚Vergesellschaftung‘ lesbar gemacht. Auch wird ein anderes monströses Untier mit einem ipomites verglichen (AUvE 22021 – 22039). Diese Strategien finden sich auch in anderen Alexanderromanen (siehe: Das Flusspferd in den literarischen Texten).
- AUvE = Ulrich von Eschenbach [recte: Etzenbach]: Alexander. Hrsg. von Wendelin Toischer, Tübingen 1888, ND Hildesheim, New York 1974.
- PJ = Epistola Alexandri ad Aristotelem [Bamberger Handschrift] = Kleine Texte zum Alexanderroman, Commonitorium Palladii, Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus, Brief Alexanders über die Wunder Indiens, nach der Bamberger Handschrift hrsg. von Friedrich Pfister. Heidelberg 1910.
- Mand = Sir John Mandevilles Reisebeschreibung. Nach der Stuttgarter Papierhandschrift Cod. HB V 86. In deutscher Übersetzung von Michael Velser. Hrsg. von Eric John Morrall. Berlin 1974. (Deutsche Texte des Mittelalters 66).
- C. List: Tiere. Gestalt und Bedeutung in der Kunst, 1993, S. 131 (Kommentar) und S. 146f. (Abbildung).
- S. Obermaier: Antike Irrtümer und ihre mittelalterlichen Folgen: Das Flusspferd. Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption 21 (2011), S. 135-179.
- N. J. Root, Victorian England’s Hippomania, in: Natural History (Feb. 1993), S. 34-39.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Flusspferd (Einstiegsseite). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/flusspferd-bestiarium/. Erstellt: 9. Oktober 2025.
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