Das Buch der Natur Konrads von Megenberg (um 1350) folgt in der Regel seiner lateinischen Vorlage, dem Liber de naturis rerum von Thomas von Cantimpré (in der sog. Thomas III-Redaktion) recht genau; Abweichungen werden vermerkt. Bei Bedarf werden auch Aussagen zu Tieren aufgenommen, die der deutsche Lucidarius (um 1190), eine Prosa-Wissenssumme, die auf dem Elucidarium des Honorius Augustodunensis basiert, gelegentlich enthält.
Bei Konrad von Megenberg erfahren wir folgende Details über den Löwen:
Quellenbedingt geht der BdN-Abschnitt nicht ein auf z. B.:
- die aristotelische Unterscheidung von zwei Löwenarten: eine mit gedrungenem Körper und krauser Mähne, eine mit langgestrecktem Körper und glatter Mähne (HA 629b 33-35; vgl. Plinius, NH 8: 46; IS 12.2: 4; vgl. AM 22: 58 [34-36], der drei Arten unterscheidet). Die bei Aristoteles genannten Arten lassen sich vielleicht mit dem Berber- oder Perser-Löwen (Leo barbarus oder Leo persicus) sowie mit dem Gudscherat-Löwen (Leo googratensis) identifizieren (Steier 1926, Sp. 969);
- weitere Details zur Anatomie und zum Aussehen des Löwen: Aristoteles beschreibt den Löwen als fleischfressendes Raubtier mit vier vielzehigen Füßen (HA 499b 8; vgl. AM 16: 2 [107]), spitzen Reißzähnen (HA 501a 16; vgl. TC 4: 54,117f.; VB 19: 66; AM 22: 108) und gekrümmten Krallen (HA 517b 2; Plinius, NH 8: 41: einziehbar; vgl. TC 4: 54,54f.; AM 22: 108);
- die Art der Begattung Steiß an Steiß (Aristoteles, HA 539b 22; bei Plinius, NH 10: 173 korrigiert: von hinten; Albertus Magnus folgt hier Plinius und nicht Aristoteles, mit anatomischer Begründung (AM 5: 9 [tr.1, cap. 2]) und widerlegt die These, dass Tiere, die nach hinten urinieren, sich Steiß an Steiß begatten (AM 2: 41 [tr. 1, cap. 4]);
- das ehebrecherische Verhältnis der Löwin mit dem Leoparden, welches der Löwe am Geruch erkennt (Plinius, NH 8: 43, vgl. CRM 17: 11), bei Thomas I/II und Vinzenz von Beauvais begründet mit der großen Libido der Löwin (TC 4:55,88-90 und VB 19: 73); bei Albertus Magnus begründet mit der mangelnden Potenz des Löwen (22: 107); vgl. BA 18.64f.)
Im Lucidarius wird der Löwe bei der Beschreibung von Mischwesen regelmäßig als Vergleichsobjekt herangezogen (Lc 22,7: Macrobii: Löwengestalt; Lc 26,5: Cocrota: Löwenknochen; Lc 27,3: Manticor: Löwenkörper); wie der → Bär ist auch der Löwe vom Feuer zornig und von der Erde stark (Lc 61,4-6). Zur impliziten Fress-Hierarchie, die den Bären über den Wolf, aber den Löwen über den Bären setzt (Lc 136,22-24), siehe den entsprechenden Abschnitt zu → Bär-Naturkunde.
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- HA = Aristoteles, Historia animalium, ed. Grumach et al.
- NH = Plinius, Naturalis Historia, ed./übers. König/Winkler
- CRM = Solinus, Collectanea rerum memorbilium, ed./übers. Brodersen
- AM = Albertus Magnus, De animalibus, ed. Stadler
- AN = Alexander Neckham, De naturis rerum, ed. Wright
- BA = Bartholomäus Anglicus, De rerum proprietatibus
- HM = Hrabanus Maurus, De rerum naturis (PL)
- IS = Isidor von Sevilla, Etymologiae, ed. Lindsay, übers. Möller
- TC = Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum [Red. I/II], ed. Boese
- Thomas III = Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum, Redaktion III, ed. Vollmann et al.
- VB = Vinzenz von Beauvais, Speculum naturale
- M. Cipriani: Kommentar zu: Thomas Cantimpratensis, Liber de natura rerum, versions I-II (ed. M. Cipriani), SourcEncyMe
- C. Hünemörder: Löwe. (1) Zoologie. LexMA 5 (1991), Sp. 2141.
- O. Schönberger: Kommentar zu: Physiologus. Griechisch/deutsch. Übers. und hg. von dems. Stuttgart (2)2014. (RUB 18124).
- A. Steier: Löwe, in: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft 13.1 (1926), Sp. 968-990.
- A. Stamatiou/A. Weckwerth: Löwe, in: Reallexikon für Antike und Christentum 23 (2010), Sp. 257-286.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Löwe (Naturkunde). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/loewe-naturkunde/. Erstellt: 22. Januar 2026.
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