Übersetzung ins Neuhochdeutsche
Da ließ Karl ihn [= das Pferd Bayard] in den Fluss werfen; Reinolt, der Herr, durfte sich nicht mehr nach ihm umsehen. Schmerzlich sank der edle Gefährte mit den Beinen hinab auf den Grund; […]. Als Beyart sah, dass Reinolt auf der Erde lag, da hob er mit großer Kraft sein Haupt, gegen die Kraft des Mühlsteins [den ihm Karl hat um seine Beine legen lassen] und schrie nach seinem Herrn, denn er sah ihn danach niemals mehr wieder.
Bereits zweimal hat Karl der Große vergeblich versucht, das exorbitante Ross Beyart der vier widerständigen Haymonskinder zu ertränken, doch immer wieder gelingt es diesem teuflischen Ausnahmepferd, die Mühlsteine abzuwerfen, sich ans andere Ufer zu schlagen und in die Ardennen zu entschwinden. Erst nachdem Reinolt – von Karl gezwungen – den Blickkontakt zu Beyart abbricht (dies die hier zitierte Szene), ertrinkt der Hengst: Beyarts hochdramatischer Tod ist ein Sinnbild für den nur schwer, aber letztlich erfolgreich gebrochenen Widerstand der Empörer durch Karl, dessen Autorität damit wiederhergestellt ist.
Während im Reinolt von Montelban vom Ende des Pferdes erzählt wird, liefert der Malagis, der ebenfalls zu den Empörergesten aus dem Umkreis der Haymonskinder-Sage gehört (beide um 1470 nach afrz. Vorlagen entstanden), seine Vorgeschichte: Das Pferd stammt ab von einem dromedaris und ist überdies der Halbbruder eines drachenähnlichen Teufels (Mal 5746-48; RvM 791), was seine Ausdauer, Schnelligkeit und Stärke, aber auch sein teuflisches Wesen erklärt. Gezähmt werden kann Beyart nur mit sehr viel Gewalt und über direkten Blickkontakt (Mal 7645 – 7650). Als Malagis wegen eines unglücklichen Unfalls Beyart töten soll, kann Hayme ihn überreden, ihm das Pferd zu überlassen (Mal 22889 – 22914). Beyart bleibt eingemauert, bis schließlich Reinolt, dem jüngsten, aber auch größten der vier Söhne Haymes, die endgültige Zähmung des unbändigen Hengstes gelingt: „Dem exorbitanten Pferd entspricht der erxorbitante Reiter/Ritter – und umgekehrt“ (Bastert 2017, S. 52). Im Konflikt mit Kaiser Karl und dessen Sohn Ludwig wird Beyart schließlich – neben Malagis – der „effektivste Helfer“ (ebd., S. 51) der vier Brüder – sinnfällig wird dies in der zur prägenden Bildformel gewordenen Szene, in der das Pferd die vier (!) vor Karl fliehenden Brüder, jeweils auf ihren eigenen Sätteln, trägt (RvM 2040 – 2045); auch vermag das zur Ader gelassene Pferd während Karls Belagerung wochenlang die vier Haymonskinder mit seinem Blut zu ernähren (RvM 12860 – 12868). In einem Maße wie sonst kein zweites Tier in der mittelalterlichen Literatur – Alexanders Pferd Bukephalos eingeschlossen – erhält das Pferd Beyart – „als Ritter in Gestalt eines Tieres“ (ebd., S. 53) – nahezu Protagonisten-, ja zumindest Mitakteur-Status, allerdings ohne sein Tier-Sein einzubüßen.
- RvM = Reinolt von Montelban oder die Heimonskinder. Hg. von Friedrich Pfaff. Tübingen 1885. ND Amsterdam 1969.
- Mal = Der deutsche Malagis. Nach den Heidelberger Handschriften CPG 340 und CPG 315 unter Benutzung der Vorarbeiten von Gabriele Schieb und Sabine Seelbach hg. von Annegret Haase, Bob W. T. Duijvestijn, Gilbert A. R. De Smet und Rudolf Bentzinger. Berlin 2000.
- C. Ameen et al., In search of the ‚great horse‘. A zooarchaeological assessment of horses from England (AD 300–1650). International Journal of Osteoarchaeology 31,6 (2021), S. 1247–1257. https://doi.org/10.1002/oa.3038
- B. Bastert, Das Pferd Bayard, in: Tiere: Begleiter des Menschen in der Literatur des Mittelalters, hg. von A. Kraß und J. Klinger, 2017, 47-61.
- G. Blaschitz, Das Pferd als Fortbewegungs- und Transportmittel in der deutschsprachigen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. Medium Aevum Quotidianum 53 (2006), S. 17-43.
- R. H. C. Davis, The Medieval Warhorse. Origin, Development and Redevelopment, 1989.
- A. Deutsch: Das Tier in der Rechtsgeschichte. Eine Gesamtschau, in: Das Tier in der Rechtsgeschichte. Hg. von dems. und Peter König, 2017, S. 11-102.
- K. M. French, Hippophagie, in: Harnessing Horses from Prehistory to History. Approaches and Case Studies. Hg. von K. Kanne, H. Benkert, and C. M.L. Vo Van Qui, 2025, S. 233-238.
- U. Friedrich, Der Ritter und sein Pferd. Semantisierungsstrategien einer Mensch-Tier-Verbindung im Mittelalter, in: Text und Kultur. Mittelalterliche Literatur 1150-1450, hg. von U. Peters, 2001, S. 245-267
- A. Hyland, The Medieval Warhorse. From Byzantium to the Crusades, 1996.
- A. Hyland, The horse in the Middle Ages, 1999.
- K. Kanne, Horse Domestication and Early Use, in: Harnessing Horses from Prehistory to History. Approaches and Case Studies. Hg. von K. Kanne, H. Benkert, and C. M.L. Vo Van Qui, 2025, S. 97-121.
- R. Koselleck, Der Aufbruch in die Moderne oder das Ende des Pferdezeitalters. in: Der Historikerpreis der Stadt Münster. Die Preisträger und Laudatoren von 1981 bis 2003, hg. von Berthold Tillmann, 2003, S. 159–174.
- G. Larson, D. Q. Fuller, The Evolution of Animal Domestication. The Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 45 (2014), S. 115-136. https://doi.org/10.1146/annurev-ecolsys-110512-135813
- Medieval warhorse. Equestrian landscapes, material culture and zooarchaeology in Britain, AD 800-1550. Hg. von O. H. Creighton et al., 2025.
- A. K. Outram, Horse domestication as a multi-centered, multi-stage process: Botai and the role of specialized Eneolithic horse pastoralism in the development of human-equine relationships. Frontiers in Environmental Archaeology 2 (2012), S. 1-15. DOI: 10.3389/fearc.2023.1134068
- W. C. Schneider, Animal laborans. Das Arbeitstier und sein Einsatz in Transport und Verkehr der Spätantike und des frühen Mittelalters, in: L’uomo di fronte al mondo animale nell’alto medioevo (7-13 aprile 1983), hg. vom Centro italiano di studi sull’alto Medioevo, 1985, S. 457-578.
- C. M. L. Vo Van Qui, Approaches to Researching Horse Training in Medieval Western Europe: Thirteenth to Fifteenth Centuries, in: Harnessing Horses from Prehistory to History. Approaches and Case Studies. Hg. von K. Kanne, H. Benkert, and C. M.L. Vo Van Qui, 2025, S. 189-197.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Pferd (Einstieg). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/pferd-bestiarium/. Erstellt: 06. Februar 2025.
Letztes Update: