In dieser Rubrik geht es um literarische Texte jenseits der tier-fokussierten Literatur (wie Physiologus und Bestiarien, Naturkunde, Fabel und Tierepos). Systematisch ausgewertet werden vor allem die Kerntexte der mittelhochdeutschen Epik und Lyrik. Daneben kommen bei Bedarf auch andere Textgattungen in den Blick.
Der Bär führt in der deutschen Literatur des Mittelalters – verglichen mit dem Pferd, dem Drachen, dem Löwen oder dem Fuchs – eher ein Rand-Dasein. Auf den ersten Blick scheint sich also Michel Pastoureaus These vom Bären als dem ‚gestürzten König‘ voll und ganz zu bestätigen: Der Bär ist nicht nur aus dem mittelalterlichen Wald eliminiert, sondern auch aus der deutschen Literatur. Dennoch lassen sich einige Bären-Referenzen zusammentragen – darunter auch versteckte Reminiszenzen an den alten König der Tiere.
Der Topos vom wilden Bären
Wenn menschliches Verhalten mit dem eines Bären verglichen wird, steht seine Wildheit im Vordergrund:
Der Bär als Gegner
Gerade seine Wildheit macht den Bären zum ultimativen Gegner:
Von Bären träumen
Auch in der deutschen Literatur des Mittelalters finden sich Bärenträume, die Pastoureaus These der mittelalterlichern ‚Diabolisierung‘ des Bären (Pastoureau 2008, S. 153-157) zu stützen vermögen:
Bären und Heilige
In der mittelalterlichen Hagiographie ist der Bär das Attributtier gleich von mehreren Heiligen (s. Pastoureau 2008, S. 113-139; Obermaier 2007, S. 58), wobei das Muster in der Regel gleich ist: Der Heilige macht sich das wilde Tier gefügig und dienstbar:
Großer Auftritt: Ein Eisbär als Akteur
Von einem Geschenk des norwegischen an den dänischen König zum maßgeblichen Protagonisten der Erzählung wird ein Eisbär im Märe Schrätel und Wasserbär (Ende 13. Jh.). Bär und Bärenführer nehmen auf dem Weg Quartier bei einem Bauern, dessen Hof von einem bösen Hauskobold bedrängt wird. Im nächtlichen Kampf kann der Eisbär das Schrätel besiegen. Am nächsten Tag fragt der Hausgeist beim Bauern nach, ob diese fürchterliche ‚große Katze‘ noch bei ihm sei. Da erfindet der Bauer geistesgegenwärtig fünf Katzenjunge hinzu, wodurch das Schrätel dauerhaft vertrieben wird. So wird der Eisbär vom ‚Geschenk unter Königen‘ auch zum ‚Geschenk für den Bauern‘, insofern er quasi als mythischer ‚Spitzenahn‘ einer neuen (fiktiven) kätzischen Hausgeisterschaft die Hausmacht des Bauern dauerhaft zu sichern vermag (Obermaier 2023, S. 1101). Ob der Eisbär damit auch im Sinne des Prologs dieses hovelichen (!) Märe „zum hervorragenden Repräsentanten des Höfischen“ (Todtenhaupt 1997, S. 304) wird, muss offenbleiben.
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Siehe: Quellenverzeichnis: Literarische Texte
- M. Pastoureau: L’ours. Histoire d’un roi déchu, 2007. Dt. Übers.: Der Bär. Geschichte eines gestürzten Königs (übers. S. Çorlu), 2008.
- G. Bamberger: Poetologie im Prosaroman. Fortunatus – Wickram – Faustbuch, 2018, Kap. 2.2.1. (a) Fortunatus am Wendepunkt: Der Kampf mit dem Bären und die Begegnung mit der Jungfrau des Glücks.
- M. Bindschedler: Vom Bärenfang im Mittelalter. Zu einem strîtelîn zwischen Philologie und Volkskunde, in: Mittelalter und Moderne. Gesammelte Schriften zur Literatur (ed. A. Schnyder), 1985, S. 203-206.
- F. Ranke: Etwas vom Bärenfang im Mittelalter. Zu Gottfrieds Tristan v. 284, in: Kleinere Schriften (ed. H. Rupp), 1971, S. 115-121.
- B. Quast: Die Ambiguität des Wilden. Überlegungen zum Verhältnis von Anthropologie und Ökonomie im Fortunatus, in: Ambiguität im Mittelalter. Formen zeitgenössischer Reflexion und Interdisziplinärer Rezeption (ed. O. Auge, C. Witthöft), 2016, S. 203-218.
- A. Fiebig: vier tier wilde. Weltdeutung nach Daniel in der ‚Kaiserchronik‘, in: Deutsche Literatur und Sprache von 1050-1200 (ed. A. Fiebig, H.-J. Schiewer),1995, S. 27-49.
- K.-E. Geith: Die Träume im Rolandslied des Pfaffen Konrad und in Strickers Karl, in: Träume im Mittelalter. Ikonologische Studien (ed. A. Paravicini Bagliani), 1989, S. 227-240.
- B. v. Well: Mir troumt hînaht ein troum. Untersuchung zur Erzählweise von Träumen in mittelhochdeutscher Epik, 2016, Kap. VI.3.
- D. Alexander: Saints and Animals in the Middle Ages, 2008.
- L. Franz: Wahre Wunder. Tiere als Funktions- und Bedeutungsträger in mittelalterlichen Gründungslegenden, 2011.
- M. Th. Kloft: Der gezähmte Bär. Die Christianisierung im Frühmittelalter zwischen alten Riten und neuem Bekenntnis, in: Tassilo, Korbinian und der Bär. Bayern im frühen Mittelalter, 2024, S. 76–85.
- S. Obermaier: Der Heilige und sein Tier, das Tier und sein Heiliger – Ein Problemaufriss, in: Tier und Religion (ed. T. Honegger, W. G. Rohr), 2007, S. 46-63.
- M. Schär: Gallus. Der Heilige in seiner Zeit, 2011, Kap. XVIII: Der Bär.
- R. Schmid: Nu dar, du edels müetzelin, dar! Bern und der Bär im 14. bis 16. Jahrhundert, in: Symbole im Dienste der Darstellung von Identität (ed. P. Michel), 2000, S. 159-179.
- S. Obermaier: Tracking former royal dignity. The bear in German medieval literature, in: Bear and human (ed. O. Grimm), 2023, Bd. 3, S. 1091-1105, hier S. 1099-1101.
- M. Todtenhaupt: Kobold und Eisbär. Ein höfisches Märe ohne den höfischen Adel, in: Kleine Beiträge zur Germanistik (ed. B. Andersson, G. M. Müller), 1997, S. 301-309.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Bär (Literarische Texte). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/baer-bestiarium/. Erstellt: 21. November 2025.
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