Übersetzung ins Neuhochdeutsche
Der Löwe legte sich ihm [= Iwein] zu Füßen und grüßte ihn, ohne zu sprechen, mit (entsprechenden) Gebärden und durch Laute. In diesem Moment ließ er ab von seiner (natürlichen) Angriffslust und zeigte ihm seine Zuneigung, wie er es – seinen Verstandeskräften entsprechend – am besten vermochte und wie es einem Tier angemessen war.
Der prominenteste literarische Löwe des Mittelalters ist der – für den Protagonisten sogar namengebende und identitätsstiftende – Löwe aus dem mittelhochdeutschen Artusroman Iwein Hartmanns von Aue (um 1203) und seiner altfranzösischen Vorlage Yvain ou Le Chevalier au Lion Chrétiens de Troyes (ca. 1180/90). Yvain/Iwein hilft einem Löwen, der im Kampf mit einem Drachen zu unterliegen droht – Yvain, weil das Böse zu bekämpfen ist (Yv 3357f.) und er Mitleid mit dem edlen und stolzen Tier hat (Yv 3373 – 3375), Iwein, weil der Löwe das edle Tier ist (Iw 3846 – 3849). Die Befürchtung, der Löwe könnte, sobald errettet, den Ritter selbst angreifen, wird nicht bestätigt – im Gegenteil: Das Tier zeigt sofort seine tiefe Dankbarkeit (dies die Textstelle); und der Löwe wird fortan zum lebenslangen Begleiter, zum Hüter und Beschützer, zum Jagd- und Kampfgefährten des Ritters sowie zu seinem Erkennungszeichen und Namen: Yvain/Iwein heißt nun Chevalier(s) au Lion bzw. der rîter mittem lewen / der riter der des lewen pflac. Während aber bei Chrétien der Löwe Yvains Bewährung als Bewährung eines Liebenden begleitet, macht Hartmann die Freundschaft zwischen Iwein und Löwe zu einem Symbol vorbildlicher Herrschaft (Ertzdorff 1994, S. 310), in dem sich Recht, triuwe (Loyalität), Erbarmen mit den Leidenden und Unbarmherzigkeit gegenüber den Gegnern zusammenfinden (Obermaier 2004, 126f.).
Der Resonanzraum für Iweins Löwe ist reicht damit
- vom alten Erzähl- und Legendenmotiv des dankbaren Löwen (AaTh 156: Androclus und der Löwe), wie es z. B. auch in der auf Hieronymus übertragenen Gerasimos-Legende zu finden ist, wo der ‚König der Tiere‘ zum ‚dienenden Hirten‘ wird (prägnanter Überblick über die Geschichte dieses Löwenmotivs bei: Gauly 2020),
- über den heraldischen Löwen, in dem der ‚König der Tiere‘ als maßgebliches Herrscherattribut zum ‚Tier der Könige‘ wird (grundlegend dazu: Jäckel 2004),
- bis hin zum christlichen Sinnbild von triuwe und erbärmde, zu dem der Physiologus den ambivalenten biblischen Löwen positiv christologisch umgedeutet hat (grundlegend: Pastoureau 2000); wobei Iweins Löwe allenfalls in einem übertragenen säkularen Sinne als Inkarnations- und Auferstehungssymbol verstanden werden kann.
Das Besondere an Iweins Löwe ist aber sein eigentümlicher narrativer Status als „gleichzeitig Tier, Figur und Bild“ (Obermaier 2004, S. 139, Hervorhebung von mir), wobei sich – so würde ich inzwischen präzisieren wollen – die drei Funktionen gegenseitig ‚abschatten‘ (so nach einer Formulierung von Schumann 2007, S. 351):
- „Als Figur und Bild ist der Löwe nur noch bedingt Tier, insofern er als Iweins Double (!) ideale menschliche (!) Eigenschaften verkörpert [vgl. Kraß 2017, S. 182: Der Löwe erscheint als „ein Idealbild dessen, den er begleitet“].“
- „Als Tier und Bild ist der Löwe nur noch bedingt Figur, insofern er als semiotisch aufgeladene (!) Figuren-Erweiterung für den Protagonisten (!) fungiert [vgl. Balks 2021, S. 115: Der Löwe verkörpert die „Auslagerung wilder Gewalt“].“
- „Und als Tier und Figur ist der Löwe nur noch bedingt Bild, insofern ihm mehr (!) Funktionen als rein semiotische zukommen“ (alle drei Zitate: Obermaier 2026 [i. E.], Hervorhebungen von mir), weshalb Iweins Löwe weit mehr sein dürfte als „a multi-faceted literary symbol“ (Harris 2021, S. 203).
- Yv = Chrétien de Troyes: Yvain. Übers. und eingel. von Ilse Nolting-Hauff. München 1983. (Klassische Texte des romanischen Mittelalters in zweisprachigen Ausgaben 2).
- Iw = Hartmann von Aue: Iwein. 4. überarb. Aufl. Text der siebenten Ausgabe von G. F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff. Übers. und Nachw. von Thomas Cramer. Berlin, New York 2001.
- J. Balks: Verhandlungen höfischer Idealität. Intersektionale Deutungs- und Zuordnungsprozesse in Artusromanen um 1200: Iwein – Lanzelet – Gwigalois, 2021, Kap. II.5: Der Löwe: Auslagerung wilder Gewalt.
- X. v. Ertzdorff: Iwein und sein Löwe, in: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen (ed. X. von Ertzdorff), 1994, S. 287-311.
- B. M. Gauly: Von Löwen und Mönchen. Tiere in spätantiker Hagiographie. Antike und Abendland. Beiträge zum Verständnis der Griechen und Römer und ihres Nachlebens 65/66 (2020), S. 174–89.
- N. Harris: The Lion in Medieval Western Europe. Toward an Interpretive History. Traditio 76 (2021), S. 185–213.
- D. Jäckel: Der Herrscher als Löwe. Ursprung und Gebrauch eines politischen Symbols im Früh- und Hochmittelalter, 2006.
- A. Kraß: Noble Doppelgänger. Der Löwe als Begleiter des Menschen in der Literatur, in: Tiere. Begleiter des Menschen in der Literatur des Mittelalters (ed. A. Kraß, J. Klinger), 2017, S. 163-182.
- S. Obermaier: Löwe, Adler, Bock – das Tierrittermotiv und seine Verwandlungen im späthöfischen Artusroman, in: Tierepik und Tierallegorese. Studien zur Poetologie und historischen Anthropologie vormoderner Literatur (ed. B. Jahn, O. Neudeck), 2004, S. 121–39.
- S. Obermaier: ‚Dichten mit Tieren‘ in der Literatur des Mittelalters. Eine Skizze, in: Tagungsband zu „Mensch und Tier im Mittelalter“ (ed. C. Domenig, J. Schrittesser), 2026 [i. E.].
- M. Pastoureau: Pourquoi tant de lions dans l’Occident médiéval? Micrologus 8 (2000), S. 11-30.
- D. Salter: Holy and Noble Beasts. Encounters with Animals in Medieval Literature, 2001.
- G. Scheibelreiter: Tiernamen und Wappenwesen, 1976.
- M. Schuhmann: Körper im Text – der Löwe und der Löwenritter, in: Körperkonzepte im arthurischen Roman (ed. F. Wolfzettel), 2007, S. 337-352. [mit Übersicht über die ältere Forschung].
- K. Sidiropoulos, R.-M. Polymeni, A. Legakis: The evolution of Greek fauna since classical times.The Historical Review/La Revue Historique 13 (2016), S. 127–146. DOI: https://doi.org/10.12681/hr.11559
Der Einstieg basiert z. T. wörtlich auf Überlegungen, die ich in an früherer Stelle zu Iweins Löwen formuliert habe:
- S. Obermaier: Macht und Wut, Treue und Mut. Das Bild des Löwen im Mittelalter und seine antiken und christlichen Traditionen, in: Animali. Tiere und Fabelwesen von der Antike bis zur Neuzeit (ed. L. Tori, A. Steinbrecher), 2012, S. 129-141 und S. 285).
- S. Obermaier: Auf den Spuren des Löwen. Zum Bild vom Tier in Mittelalter und Neuzeit. Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde NF 21 (2009), S. 9-32.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Löwe (Einstieg). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/loewe-bestiarium/. Erstellt: 05. Dezember 2025.
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