Der Ältere, genauer: Althochdeutsche Physiologus (APhys) sowie die beiden jüngeren mhd. Physiologus-Versionen, nämlich die Wiener Prosa (WPhys) sowie die Millstätter Reimfassung (MPhys), folgen der lateinischen Dicta-Version und stehen damit in der Tradition des Physiologus latinus b, einer der drei Fassungen der ältesten griechischen Physiologus-Redaktion. In dieser Tradition steht im Prinzip auch der Physiologus Theobaldi, der aber auch Passagen aus der y-Version übernimmt.

Seine starke Präsenz in der Bibel prädestiniert den Löwen zum Tier Nr. 1 in der Physiologus-Tradition. Allein im Alten Testament wird der Löwe 152-mal erwähnt (Harris 2021, S. 188), dagegen nur 9-mal im Neuen Testament, allerdings nie in den vier Evangelien (ebd., S. 191). Das Bild des biblischen Löwen präsentiert sich dabei insgesamt sehr ambivalent:

Ein „Sinnbild von Göttlichem u[nd] Dämonischem, Heil u[nd] Unheil, Stärke u[nd] Grausamkeit“ (Stamatiou/Weckwerth 2010, 258) ist der Löwe bereits in der Antike. Im Kontext der christlichen Bibelexegese (Belege dazu bei Harris 2021, Anm. 24) kann der Löwe dementsprechend sowohl ad malam partem als Symbol für den Teufel (basierend insbesondere auf den Psalmen [s. o.] und Pt 5,8) als auch ad bonam partem als Symbol für Christus (basierend auf Apc 5,5 als Deutung von Gn 49,9) ausgelegt werden. Die Assoziation des Löwen (Apc 4,7 nach Ez 1,10 u. 10,14) mit dem Evangelisten Markus, kanonisch erst mit Hieronymus, basiert auf dessen Gleichsetzung der ‚rufenden Stimme in der Wüste‘ (Mc 1,3, nach Is 40,3) mit einem brüllenden Löwen (Jäckel 2006, S. 148).

Mit dem Physiologus wird der ambivalente Löwe zum „guten“ Löwen vereindeutigt (Pastoureau 2000, S. 20f.), seine „böse“ Seite wird, insbesondere in der Heraldik, auf den (rein imaginären) Leoparden ausgelagert (ebd.). Der Löwe eröffnet in den deutschsprachigen Physiologus-Versionen – wie auch schon in der griechischen Ur-Version und in den lateinischen Übersetzungen – stets den Reigen der Tiere (nur im Melker Physiologus kommt der Löwe erst an dritter Stelle nach dem Einhorn und dem Krokodil). Mit Blick auf Gn 49,9 werden die drei ‚Naturen‘ des Löwen zunächst beschrieben und danach heilsgeschichtlich gedeutet:

Der Löwe wird in der Physiologus-Tradition zum zentralen Sinnbild für die Inkarnation, den Kreuzestod und die Auferstehung. Dies hat auch die Konsequenz, dass in der Mariendichtung Maria als Löwenmutter oder als Löwin erscheint (Salzer 1967, 25f., 54-57, 538): So feiert Konrad von Würzburg in seinem Marienpreisgedicht Die Goldene Schmiede Maria folgerichtig als des lewen muoter (GSchm 502-511), während sie – gemäß dem „Prinzip metonymischer Grenzverschiebung auf ein agens instrumentalis“ (Stolz 1996, S. 231) – in Frauenlobs Marienleich und im Tum Heinrichs von Mügeln zur stimme (!) des Löwen (GA I,12, 13-19; 127,11f.) avanciert.

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  • APhys = Älterer bzw. Althochdeutscher Physiologus, ed. Maurer
  • MelkPhys = Melker Physiologus, ed. Stammler
  • MPhys = Jüngerer Physiologus: Millstätter Reimfassung (mhd.), ed. Maurer
  • MorPhys = Moralischer Physiologus, ed. Stammler
  • PhysTh = Physiologus Theobaldi deutsch, ed. Schmidtke
  • WPhys = Jüngerer Physiologus: Wiener Prosa (mhd.), ed. Maurer
  • Dicta = Dicta Chrysostomi, ed. Maurer
  • PhysLat b = Physiologus Latinus (versio B), ed. Carmody
  • Phys Lat y = Physiologus Latinus (versio Y), ed. Carmody
  • N. Harris: The Lion in Medieval Western Europe. Toward an Interpretive History, Traditio 76 (2021), S. 185–213.
  • N. Henkel: Studien zum Physiologus im Mittelalter, 1976, S. 164-167.
  • D. Jäckel: Der Herrscher als Löwe. Ursprung und Gebrauch eines politischen Symbols im Früh- und Hochmittelalter, 2006.
  • M. Pastoureau: Pourquoi tant de lions dans l’Occident médiéval? Micrologus 8 (2000), S. 11-30.
  • A. Salzer: Die Sinnbilder und Beiworte Mariens in der deutschen Literatur und lateinischen Hymnenpoesie des Mittelalters, 1886-1894, ND 1967.
  • C. Schröder: Der Millstätter Physiologus. Text, Übersetzung, Kommentar, 2005, S. 62-67 und S. 150-164.
  • A. Stamatiou/A. Weckwerth: Löwe, in: Reallexikon für Antike und Christentum 23 (2010), Sp. 257-286.
  • M. Stolz: ‚Tum‘-Studien. Zur dichterischen Gestaltung im Marienpreis Heinrichs von Mügeln, 1996, Kap. 4.3.2: Metonymische Relationen
Zitierhinweis

Sabine Obermaier: Löwe (Physiologus). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/loewe-physiologus/. Erstellt: 14. Dezember 2025.

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