Das Buch der Natur Konrads von Megenberg (um 1350) folgt in der Regel seiner lateinischen Vorlage, dem Liber de naturis rerum von Thomas von Cantimpré (in der sog. Thomas III-Redaktion) recht genau; Abweichungen werden vermerkt. Bei Bedarf werden auch Aussagen zu Tieren aufgenommen, die der deutsche Lucidarius (um 1190), eine Prosa-Wissenssumme, die auf dem Elucidarium des Honorius Augustodunensis basiert, gelegentlich enthält.

Bei Konrad von Megenberg erfahren wir folgende Details über den Bären:

Quellenbedingt geht der BdN-Abschnitt nicht ein auf

  • die im Mittelalter geläufige Etymologie Isidors, der lat. ursus auf ore suo zurückführt, weil der Bär ‚mit seinem Maul‘ sein Junges formt: ursus sei quasi orsus ‚Anfang‘ (IS 12.2: 22);
  • die Unterscheidung von drei Bärenarten nach ihrer Farbe: braun, schwarz oder weiß (AM 22: 107; hier wird auch der Eisbär als ursus aquaticus explizit beschrieben). Thomas I/II erwähnt ebenfalls schwarze und weiße Bären (TC 4: 105,80-82);
  • den Winterschlaf und wie überhaupt den Winter als Paarungs- und Fortpflanzungszeit, wie prominent bei Plinius (NH 8: 126f.) beschrieben; auch das in diesem Kontext oft erwähnte Pfotensaugen (Plinius, NH 8: 127) fehlt in Konrads Bärenkapitel. Thomas I/II versucht, das winterliche Fasten der Bären humoralpathologisch zu erklären (TC 4: 105,24-43; dieser Passus ist in Thomas III getilgt);
  • Die Beschreibung der Fangmethode bei Thomas III und somit auch bei Konrad von Megenberg weicht ab von der sonst tradierten Methode des Bärenhammers (wobei vor einem hohlen Baum mit wildem Honig eine Fallgrube gegraben und darüber ein Hammer aufgehängt wird, der, vom Bären weggeschlagen und wie ein Bummerang zurückkehrend, den Bären zu Fall bringt, so beschrieben bei TC 4: 105,62-71; übernommen von VB 19: 119; BA 18: 110).

Im Lucidarius wird im Rahmen der Frage, warum die Tiere alle so verschieden seien, obwohl sie doch aus einer Materie stammen, erklärt, dass der Bär (wie auch der Löwe) vom Feuer zornig und von der Erde stark sei; da der Bär aber mehr Erde habe, sei er auch träge (Lc 61,4-6). Seelen können sich in Tierform manifestieren, also auch teilweise in Bärengestalt (Lc 133,13f.). Als Beispiel für ein Tier, das nicht auferstehen kann, dient der Bär – neben Wolf und Löwe – in der Frage des Schülers, warum, wenn ein Wolf einen Menschen frisst und diesen Wolf ein Bär und diesen Bären wiederum ein Löwe, nur der Mensch aufersteht (Lc 136,22-24); interessant ist dabei die implizite Fress-Hierarchie, die den Bären über den Wolf, aber den Löwen über den Bären setzt.

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  • BdN = Konrad von Megenberg, Buch der Natur, ed. Luff/Steer
  • Lc = Lucidarius, ed. Gottschall/Steer
  • HA = Aristoteles, Historia animalium, ed. Grumach et al.
  • NH = Plinius, Naturalis Historia, ed./übers. König/Winkler
  • CRM = Solinus, Collectanea rerum memorbilium, ed./übers. Brodersen
  • AM = Albertus Magnus, De animalibus, ed. Stadler
  • AN = Alexander Neckham, De naturis rerum, ed. Wright
  • BA = Bartholomäus Anglicus, De rerum proprietatibus
  • HM = Hrabanus Maurus, De rerum naturis (PL)
  • IS = Isidor von Sevilla, Etymologiae, ed. Lindsay, übers. Möller
  • TC = Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum [Red. I/II], ed. Boese
  • Thomas III = Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum, Redaktion III, ed. Vollmann et al.
  • VB = Vinzenz von Beauvais, Speculum naturale
  • C. Hünemörder: Bär. (1) Zoologie. LexMA 1 (1980), Sp. 1431f.
  • M. Pastoureau: L’ours. Histoire d’un roi déchu, 2007. Dt. Übers.: Der Bär. Geschichte eines gestürzten Königs (übers. S. Çorlu), 2008.
Zitierhinweis

Sabine Obermaier: Bär (Naturkunde). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/baer-naturkunde/. Erstellt: 24. September 2025.

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