In dieser Rubrik geht es um literarische Texte jenseits der tier-fokussierten Literatur (wie Physiologus und Bestiarien, Naturkunde, Fabel und Tierepos). Systematisch ausgewertet werden vor allem die Kerntexte der mittelhochdeutschen Epik und Lyrik. Daneben kommen bei Bedarf auch andere Textgattungen in den Blick.
Als Orientsignum und außergewöhnliches Kriegsinstrument sind Elefanten im Alexanderroman prominent vertreten: Im Straßburger Alexander (um 1187) wendet Alexander gegen die Kriegselefanten des Porus eine Taktik an (StA 3936/4386 – 3993/4443), die mehr Wissen über Elefanten verrät, als der Erzähler zuvor an für das Mittelalter üblichem Elefantenwissen vermittelt (StA 3877/4327 – 3935/4385): Alexander lässt den mit Rotwein und Blut wild gemachten Tieren eherne Heldenstandbilder entgegenführen, die mit griechischem Feuer gefüllt sind, so dass sich die Tiere daran ihre mûle (= ihre Mäuler, eher: ihre Rüssel) verbrennen, woraufhin sie in Panik geraten und ihre eigenen Leute niedertrampeln (StA 3942/4392 – 3993/4443) – damit handelt Alexander wîslîchen (StA 3941/4391) im Unterschied zu dem tumben (StA 3894/4344, gemeint ist Eleazar), der dem Elefanten des vermeintlichen Gegners von unten in den Nabel sticht und dadurch selbst zu Tode kommt (1 Mcc 6,43-47). Eleazar wird – so die Deutung von Hrabanus Maurus – Opfer seiner eigenen superbia. Damit erhalten die Elefanten des Porus eine ganz eigene Bedeutung: Sie repräsentieren nicht nur die orientalische Welt, die Alexander sich unterwirft, sondern sie stehen auch für die negative, hybride Seite des Helden, die es Alexander in dieser Romanversion gelingt zu überwinden. Dagegen legt der Basler Alexander (15. Jh.) das Gewicht nicht auf die List, sondern auf die Strategie: Alexander fügt den Elefanten dort Schmerz zu, wo sie nicht etwa am empfindlichsten, sondern am stärksten sind (BA 3041 – 3052). Bei Ulrich von Etzenbach (um 1284), im Großen Alexander (Ende 14. Jh.) und bei Johannes Hartlieb (um 1450) wird Alexanders Elefantenwissen dagegen wieder an das zurückgebunden, was ‚man‘ über Elefanten weiß: Alexander trifft den Elefanten des Aristemones von Cretes an seiner empfindlichsten Stelle, dem Nabel (AUvE 13106 – 13116). Vor den Elefanten des Porus warnt Alexander seine Soldaten und unterrichtet sie, wie sie sie bezwingen können: Man schlägt ihnen (wie Riesen!) die Beine ab, damit sie umfallen (AUvE 19890 – 19910; 19966 – 19970). Im Großen Alexander werden die Elefanten mit Tapferkeit besiegt (GA 3202 – 3248), bei Johannes Hartlieb interessiert Alexanders List rein waffentechnisch (AJH 3374 – 3386).
In vergleichbaren Funktionen treten Elefanten auch jenseits der Porus-Episode auf:
In einem Seitenstrang der Wolfdietrich/Ortnit-Erzählungen, Wolfdietrich B (13. Jh.), gibt es eine kuriose Geschichte: Hier wird Ortnit Zeuge eines Kampfes zwischen einem Elefanten und einem Drachen. Ortnit hilft dem Elefanten (weil dieser sein Wappentier ist, WD B 524,3). Danach bleibt der Elefant aus Dankbarkeit bei Ortnit (WD B 524,1-527,4) – eine deutliche Allusion auf Iweins → Löwen. Allerdings: Zum ‚Ritter mit dem Elefanten‘ wird Ortnit gerade nicht; denn Ortnit kann schon kurz darauf dem erneut vom Drachen angegriffenen Elefanten nicht helfen, weil nichts und niemand den durch einen Zauber eingeschlafenen (!) Ortnit zu wecken vermag, so dass dieser selbst auch zum Opfer des Drachen wird. Insofern der Elefant auch in der Hagiographie nur als ein ganz exzeptionelles Attributtier von Heiligen erscheint (Alexander 2008, siehe auch: Elefant C.III.1 ), ist er hier quasi als ein ‚Doch-nicht-Begleittier‘ dieses einzigartigen Anti-Helden der mittelalterlichen Literatur recht sinnig gewählt.
In der geistlichen Lyrik, im Sangspruch und in der Lehrdichtung wird der Elefant vielseitig als geistliches und moralisches Sinnbild eingesetzt:
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Siehe: Quellenverzeichnis: Literarische Texte
- A. T. Hatto: The Elephants in the Straßburg Alexander, in: The Medieval Alexander Legend and Romance Epic (ed. P. Noble et al.), 1982, S. 85-105.
- K. Lassacher: Der Elefant in der mittelalterlichen Literatur, 1988 [masch.], S. 34-45.
- S. Obermaier: Alexander und die Elefanten. Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption 18 (2008), S. 77-100.
- D. Alexander: Saints and Animals in the Middle Ages, 2008.
- H. Hartmann: Tiere in der historischen und literarischen Heraldik des Mittelalters, in: Tiere und Fabelwesen im Mittelalter (ed. S. Obermaier), 2009, S. 147-179, hier: S. 150.
- R. Kälin: Wie kam der Elefant in das Wappen von Hilfikon? Schweizer Archiv für Heraldik. Archivum heraldicum 135 (2021), S. 25-33.
Zitierhinweis
Sabine Obermaier: Elefant (Literarische Texte). In: Von Adler bis Ziege. Ein literarisches Bestiarium des Mittelalters. Online-Publikation. URL: https://www.animaliter.uni-mainz.de/elefant-literarische-texte/. Erstellt: 23. Juli 2025.
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